Es passiert mir regelmäßig auf Feiern, im Verein, beim Warten an der Kasse. Jemand fragt, was ich beruflich mache, ich erzähle es, und dann kommt die Frage, die ich am schwersten beantworten kann: Was soll denn an deinem Magnesium anders sein als an dem für drei Euro aus der Drogerie? Bei Kunden, die bei uns anrufen, stellt sich die Frage selten. Wer bei einem Naturprodukt landet, hat die Antwort meistens schon im Kopf. Im Smalltalk habe ich dafür zwei Sätze, und die reichen nie.
Isolierte Nährstoffe und ganze Lebensmittel tragen auf der Packung dieselbe Art von Angabe: eine Milligrammzahl je Tagesportion, fertig. Was nicht draufsteht: in welcher chemischen Verbindung dieser Nährstoff vorliegt und was sonst noch im Produkt ist. Beides beeinflusst, wie viel davon tatsächlich im Körper ankommt. Über das Erste gibt es Forschung mit überraschendem Ergebnis, über das Zweite gibt es weniger Forschung, als man erwarten würde. Dieser Beitrag erklärt, warum.
| Drei Dinge vorweg Die Milligrammzahl auf der Packung sagt, wie viel drin ist. Sie sagt nicht, wie viel davon aufgenommen wird. Dass teure Magnesiumverbindungen deutlich besser aufgenommen werden als billige, gilt in der Fachliteratur als umstritten, nicht als gesichert. Die Umgebung eines Nährstoffs im Lebensmittel beeinflusst die Aufnahme, und zwar in beide Richtungen. Dieses Feld ist deutlich schlechter untersucht. |
Beim Auto zählt nicht nur die PS-Zahl
Mein Vater hat für unsere Produkte ein Bild benutzt, von dem ich bis heute nicht weiß, wo er es her hat: eine Hand mit fünf Fingern. Kein Finger ist der beste, keiner sticht heraus, und wenn einer fehlt, merkt man es sofort. Er meinte damit, dass in einem gewachsenen Lebensmittel vieles nebeneinander vorkommt und dass dieses Nebeneinander zur Sache gehört.
Mir ist inzwischen ein anderes Bild lieber, weil es im Smalltalk besser funktioniert. Niemand kauft ein Auto nach der PS-Zahl. Man schaut auf Getriebe, Fahrwerk, Verarbeitung, Verbrauch, Sitzposition, und man weiß ganz selbstverständlich, dass zwei Autos mit gleicher Motorleistung völlig verschiedene Autos sein können. Bei Nahrungsergänzung macht fast niemand diese Rechnung. Da steht eine Zahl auf der Packung, und zwei Produkte mit derselben Zahl gelten als dasselbe Produkt.
Das ist kein Vorwurf an die Käufer. Es liegt daran, dass eine Milligrammzahl die einzige Angabe ist, die überall draufsteht und sich leicht vergleichen lässt. Alles andere steht entweder nicht drauf oder ist schwer einzuordnen.
Ist Magnesium gleich Magnesium?
Hier kommt der Teil, bei dem ich selbst etwas lernen musste, und er fällt nicht zu meinen Gunsten aus.
Isoliertes Magnesium gibt es in verschiedenen chemischen Verbindungen. Magnesiumoxid und Magnesiumchlorid sind anorganisch, Citrat, Aspartat oder Bisglycinat sind organisch. Die Branche verkauft die organischen Varianten seit Jahren als die besseren, weil sie sich leichter in Wasser lösen, und entsprechend kosten sie mehr.
Die Fachliteratur sieht das zurückhaltender. Eine Übersicht in der Pharmazeutischen Zeitung bezeichnet die Annahme, organische Salze seien deutlich bioverfügbarer, als weit verbreitet und nicht richtig. Die dort angeführten Untersuchungen fanden bei neun verschiedenen Verbindungen keine bedeutsamen Unterschiede in der Aufnahme. Was sich unterscheidet, ist die Geschwindigkeit: Magnesiumoxid braucht demnach Tage, Citrat Stunden, am Ende kommt eine vergleichbare Menge an. Die gute Löslichkeit im Reagenzglas bildet die Verhältnisse im Darm offenbar nur begrenzt ab.
Ich schreibe das hin, obwohl es ein Verkaufsargument kleiner macht, das unsere Branche gern benutzt. Wer ein Magnesiumpräparat kauft und dabei vor allem auf die Verbindung achtet, optimiert möglicherweise an einer Stelle, an der weniger zu holen ist als gedacht. Interessant wird die Frage erst an einer anderen Stelle.
Was isolierte Nährstoffe nicht mitbringen
Ein isolierter Nährstoff kommt in einer Kapsel oder einem Pulver allein an. In einem Lebensmittel kommt er zusammen mit allem an, was sonst noch darin ist: andere Mineralstoffe, Eiweiße, Fette, Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, Zellwände. Dieses Umfeld hat einen Namen, die Lebensmittelmatrix, und es ist ein eigenes Forschungsfeld.
Die Grundfrage dort lautet, ob man ein Lebensmittel sinnvoll als Summe seiner Nährstoffe beschreiben kann oder ob dabei etwas verloren geht. Bei Milchprodukten wird genau das seit Jahren untersucht, weil sich die beobachteten Effekte ganzer Milchprodukte nicht gut aus den Einzelnährstoffen erklären lassen. Übersichtsarbeiten dazu kommen zu einem vorsichtigen Ergebnis: Die Matrix spielt eine Rolle, und gleichzeitig gibt es erhebliche Wissenslücken.
Für ein Pulver aus einer ganzen Pflanze ist das der interessantere Hebel als die Frage nach der chemischen Verbindung. Nur lässt sich daraus kein Versprechen ableiten, und zwar aus einem Grund, den der nächste Abschnitt behandelt.
Die Matrix hilft nicht immer
Jetzt kommt der Teil, den man in Naturkostwerbung selten liest.
Die Umgebung eines Nährstoffs kann die Aufnahme verbessern, und sie kann sie genauso gut verschlechtern. Phytinsäure, die in Getreide, Hülsenfrüchten und Nüssen vorkommt, bindet Mineralstoffe und senkt die Eisen- und Zinkaufnahme. Oxalsäure, reichlich in Spinat und Rhabarber, tut dasselbe mit Calcium. Eisen aus pflanzlichen Quellen wird schlechter aufgenommen als Eisen aus Fleisch. Das sind alles Matrixeffekte, und keiner davon spricht für die Pflanze.
Umgekehrt gibt es Beispiele in die andere Richtung. Fettlösliche Vitamine brauchen Fett, um überhaupt gut aufgenommen zu werden, Vitamin C verbessert die Aufnahme von pflanzlichem Eisen.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet deshalb nicht, dass Nährstoffe im Verbund besser aufgenommen werden. Sie lautet: Es kommt darauf an, und wir wissen es für die meisten Lebensmittel nicht genau. Wer etwas anderes behauptet, hat entweder Daten, die ich nicht kenne, oder er verkauft.
Warum Forschung und Gesetz dieselbe Schlagseite haben
Dass über Gemische weniger bekannt ist, hat einen methodischen Grund und keinen inhaltlichen.
Eine Studie braucht eine Variable, die man verändern kann, während alles andere gleich bleibt. Bei einem isolierten Stoff geht das: Man gibt der einen Gruppe 300 Milligramm, der anderen nichts, und misst. Bei einem ganzen Lebensmittel geht es nicht, weil man nie nur eine Sache verändert. Dazu kommt, dass ein Naturprodukt zwischen zwei Ernten unterschiedlich zusammengesetzt ist. Was im Labor als Schwäche gilt, ist bei einer Pflanze der Normalzustand.
Diese Schlagseite setzt sich im Recht fort. Die Zulassung gesundheitsbezogener Angaben in der EU funktioniert über einzelne Nährstoffe, und für Vitamine, Mineralstoffe und Fettsäuren gibt es deshalb zugelassene Aussagen. Für pflanzliche Stoffe als solche gibt es sie nicht, und die Bewertung ruht seit 2010. Das heißt: Wer einen isolierten Stoff verkauft, darf etwas sagen. Wer eine ganze Pflanze verkauft, darf fast nichts sagen. Warum das so ist und was es für Produktseiten bedeutet, steht im Beitrag zur Health-Claims-Verordnung.
Mir ist wichtig, dass daraus kein Vorwurf wird. Das System bevorzugt nicht die Pharmaindustrie, es bevorzugt das Messbare. Das ist ein Unterschied, auch wenn das Ergebnis dasselbe ist.
Was wir daraus machen
Wir werden kein isoliertes Produkt in den Handel bringen. Kein Magnesiumcitrat in Kapseln, kein Eisenpräparat, nichts Einzelstoffiges. Das ist keine Aussage über die Qualität solcher Produkte, sondern eine über uns: Wir sind ein Betrieb für Naturprodukte und keine Apotheke. Dass unsere Ware in einigen Apotheken über die Theke geht, ändert daran nichts.
Was daraus für unsere Texte folgt, ist unbequemer, als es klingt. Ich kann nicht schreiben, dass der Verbund besser wirkt, weil ich es nicht belegen kann und weil ich es nicht sagen darf. Was ich schreiben kann, sind die Dinge, die sich überprüfen lassen: welcher Teil der Pflanze verarbeitet wurde, bei welcher Temperatur getrocknet, wie fein vermahlen, was die Analyse zeigt. Beim Gerstengras haben wir das im Qualitätsartikel aufgeschrieben.
Die Hand mit den fünf Fingern bleibt also das, was sie immer war: ein Bild für eine Haltung, nicht für einen Beleg. Mein Vater hat sie benutzt, ich benutze sie weiter, und ich sage dazu, dass es ein Bild ist.
Häufige Fehler beim Vergleichen
- Zwei Präparate allein über die Milligrammzahl vergleichen. Sie sagt, wie viel enthalten ist, nicht wie viel ankommt.
- Die teurere Verbindung automatisch für die bessere halten. Bei Magnesium ist dieser Unterschied in der Fachliteratur umstritten.
- Annehmen, natürlich sei immer besser aufzunehmen. Phytate und Oxalate in Pflanzen bewirken das Gegenteil.
- Aus fehlenden Studien auf fehlende Wirkung schließen. Nicht untersucht heißt nicht widerlegt, es heißt nicht untersucht.
- Aus fehlenden Studien das Gegenteil schließen. Nicht untersucht heißt auch nicht bestätigt.
- Eine Packung nach der Länge der Wirkungsbeschreibung beurteilen. Wer viel verspricht, hält sich meistens nicht an die Regeln.
Häufige Fragen
Was sind isolierte Nährstoffe?
Einzelne Vitamine, Mineralstoffe oder andere Stoffe, die aus ihrem natürlichen Umfeld herausgelöst oder synthetisch hergestellt und einzeln dosiert werden. Das Gegenstück ist ein Lebensmittel, in dem der Stoff mit allem anderen zusammen vorkommt.
Ist Magnesiumcitrat besser als Magnesiumoxid?
Das gilt als umstritten. Die organischen Verbindungen lösen sich besser in Wasser, in der ausgewerteten Fachliteratur fanden sich bei der tatsächlichen Aufnahme aber keine bedeutsamen Unterschiede. Der Unterschied liegt eher in der Geschwindigkeit.
Was ist die Lebensmittelmatrix?
Die Gesamtheit dessen, was in einem Lebensmittel neben einem bestimmten Nährstoff noch vorkommt, und die Struktur, in der es vorliegt. Sie beeinflusst, wie gut der Nährstoff aufgenommen wird.
Werden Nährstoffe aus Lebensmitteln besser aufgenommen als aus Präparaten?
Pauschal lässt sich das nicht sagen. Es gibt Beispiele in beide Richtungen. Eisen etwa wird aus pflanzlichen Lebensmitteln schlechter aufgenommen als aus Fleisch oder aus manchen Präparaten.
Warum gibt es so wenig Studien zu ganzen Lebensmitteln?
Weil sich darin nicht eine einzelne Variable verändern lässt und die Zusammensetzung natürlicherweise schwankt. Isolierte Stoffe lassen sich methodisch sauberer untersuchen.
Warum dürfen Hersteller von Einzelstoffen mehr behaupten?
Weil das EU-Zulassungsverfahren für gesundheitsbezogene Angaben an einzelnen Nährstoffen ansetzt. Für pflanzliche Stoffe ruht die Bewertung seit 2010.
Zum Schluss
Wenn mich das nächste Mal jemand an der Kasse fragt, werde ich es wieder mit dem Auto versuchen. Nicht, weil der Vergleich etwas beweist, sondern weil er die Frage verschiebt: weg von der einen Zahl, die auf jeder Packung steht, hin zu allem, was dort nicht steht. Was davon am Ende zählt, weiß ich auch nicht abschließend. Ich weiß nur, dass die Zahl allein es nicht ist.
Weiterlesen
- Health-Claims-Verordnung: was Hersteller nicht sagen dürfen · https://www.semenvitae.de/wissen/health-claims-verordnung/
- Magnesium Höchstmenge: wie viel am Tag ist wirklich zu viel? · https://www.semenvitae.de/wissen/magnesium-hoechstmenge/
- Gerstengras Qualität: woran du gutes Pulver erkennst · https://www.semenvitae.de/wissen/gerstengras-qualitaet-woran-du-gutes-pulver-erkennst/
- Nährstoffverlust im Gemüse: 50 Jahre im direkten Vergleich · https://www.semenvitae.de/wissen/naehrstoffverlust-gemuese/
- Mineralsole Magnesium plus im Shop · https://www.semenvitae.de/shop/mineralsole-magnesium-plus/
Quellen
- Pharmazeutische Zeitung: Bioverfügbarkeit von organischen und anorganischen Verbindungen. Übersicht mit den Untersuchungen von Lücker (1993) und Coudray (2005, Tierstudie, neun Verbindungen). · https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-072009/bioverfuegbarkeit-von-organischen-und-anorganischen-verbindungen/
- Food & Function (Royal Society of Chemistry): Impact of food matrix components on nutritional and functional properties. Übersichtsarbeit zur Lebensmittelmatrix. · https://pubs.rsc.org/en/content/articlelanding/2019/fo/c8fo02368a
- Whole dairy matrix or single nutrients in assessment of health effects: current evidence and knowledge gaps. Übersichtsarbeit zur Matrixfrage bei Milchprodukten. · https://reading-clone.eprints-hosting.org/70084
Ich bin mit SemenVitae aufgewachsen. Meine Eltern gründeten das Unternehmen vor über 20 Jahren mit der Überzeugung, dass natürliche Mineralien und Vitalstoffe in ihrer ursprünglichen Form wirksamer sind als synthetische Alternativen. Diese Überzeugung habe ich von klein auf mitbekommen, selbst erprobt und inzwischen zu meinem eigenen Antrieb gemacht.
Heute führe ich SemenVitae weiter, mit demselben Anspruch an Qualität und Transparenz. Ich ernähre mich selbst konsequent bewusst, treibe regelmäßig Sport und teste alles, was wir anbieten, im eigenen Alltag. Nebenberuflich bin ich Feuerwehrmann, was mich täglich daran erinnert, wie viel der Körper leisten kann, wenn er richtig versorgt wird.
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